Geschichte

Zur Geschichte des Vereins für Deutschsprachige Evangelische Seelsroge in Warschau

„Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“

Simon v. Kleist, Jürgen Wandel, Jens Mattern

In Warschau existierte nie eine Auslandsgemeinde der EKD. Die Gründe dafür liegen in der so oft schwierigen Geschichte der Nachbarvölker der Polen und Deutschen. So wurde die berühmte Trinitatis-Kirche, ein wichtiges Symbol für die polnischen Protestanten, unter denen sich auch viele Deutsche und Polen mit deutschen Wurzeln fanden und finden, direkt nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges zu einem der ersten Ziele der deutschen Fliegerbomben.

Die Anfänge deutschsprachiger Gottesdienste in Warschau liegen in den Achtzigerjahren. Damals hatten der Diplomat Rüdiger von Fritsch und seine Frau Huberta eine Gemeindegründung angestoßen, anfangs kam ein evangelischer Pfarrer aus Moskau viermal jährlich an die Weichsel. Rund 19 Jahre lang leitete dann Pfarrer Heinz Domke aus Berlin den Gottesdienst. Dieser fand zweiwöchentlich am Sonntagabend in einem Gemeinderaum der Warschauer Trinitatiskirche statt, die zur Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen gehört. In der Gemeinde herrschte ein recht familiäres Verhältnis, da Pastor Domke von Berlin aus im Zweiwochentakt nach Warschau pendelte und Unterkunft bei Mitgliedern der Gemeinde fand. An jenen Wochenenden betreute Domke auch die deutschsprachigen Konfirmanden der deutschen Willy-Brandt-Schule in Warschau.

Ab 2008 ließ sich dieses Modell leider nicht mehr aufrechterhalten, sodass es bis 2010 keine deutschsprachigen Gottesdienste in Warschau mehr gab. Gegen Ende jenes Jahres entstand jedoch der Wunsch, in Warschau erneut eine deutschsprachige evangelische Gemeinde zu gründen, diese nun dauerhaft zu verwurzeln und auf dieser Grundlage evangelische Gottesdienste in deutscher Sprache anzubieten. Den maßgeblichen Anstoß dazu gaben der inzwischen als Botschafter nach Warschau zurückgekehrte Rüdiger von Fritsch und seine Frau sowie weitere evangelische Deutsche in Warschau, die Bedarf an einem solchen Angebot hatten und mit diesem Anliegen bei dem Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen (EAKP) Jerzy Samiec vorstellig wurden, um auszuloten, welche Möglichkeiten bestünden, eine deutschsprachige evangelische Seelsorge in Warschau anzubieten. Dieser war von Beginn an diesem Anliegen gegenüber sehr positiv eingestellt.

Nach intensiven Gesprächen mit der EAKP und den Verantwortlichen in der EKD war Anfang 2011 mit dem damaligen Pressesprecher und Assistenten des Bischofs, Wojciech Pracki, ein Geistlicher gefunden, der gerne bereit war, die deutschsprachige Gemeinde zu betreuen. Auch standen Räumlichkeiten am Sitz der EAKP zur Verfügung und die Termine für die Gottesdienste fest. Ostern 2011 fand schließlich der erste evangelische Gottesdienst in deutscher Sprache statt. Seither finden die Gottesdienste im Zweiwochentakt statt, im Advent wöchentlich. Dazu gibt es Kindergottesdienste und auch Hauskreistreffen gab es bereits.

Die Gründe für das Einrichten einer deutschsprachigen Gemeinde im Ausland sind zahlreich: Gottesdienste in der eigenen Sprache, gerade in der wortbasierten evangelischen Tradition, bekanntes, muttersprachliches Liedgut und geläufige Liturgieformen als vertraute Heimat in einem fremden Land mit einer anderen Sprache und Kultur. Die für unsere Gemeinde wichtigen informellen Zusammenkünfte bei Kaffee und Kuchen nach dem Gottesdienst bieten eine solche Heimat auch in sozialer Hinsicht. Anders als die beruflichen Kontakt-Plattformen, wie sie Expat-Organisationen oder einschlägige Stammtische darstellen, richtet sich eine christliche Gemeinde mit ihrem Angebot an die gesamte Familie anstatt auf das Knüpfen und Pflegen von Geschäftskontakten und – aus ihrer christlichen Perspektive – auf den Menschen als Geschöpf Gottes mit all seinen Facetten anstatt auf dessen berufliche Errungenschaften und wirtschaftlichen Mehrwert. In diesem Sinne stellt eine deutschsprachige Gemeinde eine wichtige, geistliche Ergänzung zu den anderen Foren dar. Im Ausland sind viele Menschen zudem besonderen Belastungen ausgesetzt, seien es Reibungen durch den Kontakt mit der anderen Kultur oder eine Rolle als Entsandter und die damit verbundene Trennung von der Familie. Auf diese Weise mühseligen und beladenen Menschen geistliche Unterstützung und geschwisterliche Gemeinschaft unter der Obhut eines Seelsorgers zu bieten, betrachten wir  als wesentliche christliche Aufgabe unserer Gemeinde.

An ganz konkreten Lebenssituationen wird dies deutlich: So hat unsere Gemeinde einen Trauerfall begleitet, eine Taufe und eine Hochzeit gefeiert und unter großem persönlichen Einsatz der Gemeindemitglieder ein Weihnachtsmusical und eine Konfirmation organisiert. Genau dieser Einsatz der Gemeindemitglieder macht die Kraft und den Charme einer so kleinen Gemeinde aus, in der die einzelnen Mitglieder sich gegenseitig alle kennen. Ein jeder fühlt sich mehr in die Verantwortung genommen und ist bereit, einen Beitrag zu leisten – in dieser Hinsicht fühlt man sich der Urgemeinde gelegentlich näher als es in verfestigten Kirchenstrukturen möglich ist. Übrigens werden unserer Gottesdienste immer wieder gerne auch von polnischen Christen und anderen Nichtmuttersprachlern besucht, die sich der deutschen Sprache und Kultur verbunden fühlen und beispielsweise längere Zeit in Deutschland gelebt haben und auf diese Weise ein Stück Deutschland weiterhin erleben möchten.

Um die Aufgaben der geistlichen Betreuung, das Halten von Gottesdiensten, des Konfirmandenunterrichts, der Kinderarbeit und der Amtshandlungen sowie die Rollen als soziale Anlaufstelle im christlichen Sinne und als geistliche Heimat mit evangelischer Tradition erfüllen zu können, ist eine gute Zusammenarbeit mit der EAKP die wichtigste Grundlage. Dank der Gastfreundlichkeit von Bischof Jerzy Samiec dürfen wir unsere Gottesdienste nach wie vor am Sitz der EAKP feiern und dank einer engen Zusammenarbeit mit der Trinitatisgemeinde – ein Wunder nach ihren eingangs erwähnten traumatischen Kriegserfahrungen – dürfen wir ihr Kirchengebäude für besondere und gelegentliche gemeinsame Gottesdienste nutzen sowie Amtshandlungen in die dortigen Kirchenbücher eintragen. Unsere seelsorgliche Betreuung in deutscher Sprache übernimmt ein vom Bischof bestimmter polnischer Geistlicher aus der EAKP. Bislang waren das die Assistenten des Bischofs, die zwar ordinierte Geistliche sind, aber keine eigene Gemeinde leiten.

Ihre erste größere Bewährungsprobe erfuhr die Gemeinde durch die Berufung ihres ersten Pfarrers, Wojciech Pracki, zum Probst der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Oppeln. Fast ein Jahr lang dauerte die Vakanz. Doch auch während dieser Zeit fanden sich, dank des Engagements und der Beharrlichkeit des Bischofs und der Gemeindemitglieder und mit Gottvertrauen Lösungen, um weiterhin Gottesdienste zu halten und die seelsorgliche Betreuung in deutscher Sprache zu gewährleisten. Seit September 2015 steht nun mit Karol Długosz, dem neuen Assistenten des Bischofs, zugleich ein neuer Pfarrer für die seelsorgerische Betreuung der Gemeinde bereit.

Während die Gemeinde seit ihrer Anfangsphase nur formlos existierte, gab es bereits seit den Gründungsplänen Bestrebungen, feste Strukturen für sie zu schaffen. Nach Abwägung unterschiedlicher Optionen mit der EAKP und der EKD entstand der Entschluss, zu diesem Zweck einen Verein zu gründen. Dieser sollte als Rechtsperson die Möglichkeit haben, mit der EAKP, der EKD und anderen Partnern als Rechtsperson zu kooperieren, zudem sollte der Fortbestand der Gemeinde gesichert werden, da viele Gemeindemitglieder als Entsandte nur für einen begrenzten Zeitraum bleiben im Ausland.

Der Weg von der Einreichung des ersten Antrags beim Registergericht bis zur Bestätigung der tatsächlichen Vereinsgründung durch das Gericht erwies sich als äußerst steinig und hürdenreich. Nach etlichen bürokratischen Wirrungen nahm der gesamte Prozess fast zwei Jahre in Anspruch. Im Dezember 2015 hat die Gründung des Vereins für deutschsprachige evangelische Seelsorge in Warschau jedoch endlich offiziell geklappt.

Am Anfang stand der Wunsch nach deutschsprachigen Gottesdiensten. Immer wieder waren Bitten nötig, um Seelsorge zu ermöglichen, das Suchen nach neuen Wegen, um Gottesdienste zu halten, und das Anklopfen an verschiedensten Türen, um auf dem Weg der Gemeindegründung voranzukommen. Immer wieder wurde uns gegeben, was auf diesen Wegen nötig war, wurden Lösungen gefunden, die uns in unserer Situation halfen, und neue Möglichkeiten aufgetan, die uns weiterbrachten. So freuen wir uns darauf, als Gemeinde gemeinsam zu wachsen, neue Kontakte zu knüpfen und eine geistige Anlaufstelle für der deutschen Sprache verbundene evangelische Christen zu bleiben. Ganz herzlich laden wir deshalb alle Interessierten, die auf einen Besuch oder dauerhaft in Warschau sind, an unseren Gottesdiensten teilzunehmen und diese besondere Gemeinschaft kennenzulernen. Alle aktuellen Informationen finden sich stets unter http://warschau-evangelisch.de/

 

Eine gekürzte Fassung dieses Texts ist im April 2016 in chrismon erschienen und im Archiv der Editorials auf der Website der EKD zu finden.